Als ich diese Saison Hull City - Manchester United geschaut habe, fragte ich mich, warum um die Rückkehr der Tigers so ein Hype entstand. Nach dem 3:0 Erfolg am Saisonauftakt und der hämischen Katzenklauen-Geste begleitet von den ‘‘mauled by the Tigers’’- Sprechchören dachte ich mir, gehe ich dem ganzen nach.
Die Vorgeschichte
Was haben Jarrod Bowen, Tom Huddlestone, Andrea Ranocchia, Andrew Robertson und Harry Maguire gemeinsam?
Sie stiegen alle gemeinsam mit Hull City in der Saison 2016/2017 aus der Premier League ab. Auch dass vier von diesen fünf Spielern nicht mit Hull City in die Championship gingen spricht für die damalige Lage des Vereins. Einzig der aus der eigenen Jugend stammende Jarrod Bowen blieb.
Der Abstieg
Noch vor dem ersten Spieltag herrschte im Verein Ausnahmezustand. Aufstiegstrainer Steve Bruce gab im Juli 2016 enttäuscht seinen Rücktritt bekannt.
Der damalige Besitzer, Assem Allam, wollte keine neuen Spieler verpflichten. Obwohl die Besitzerfamilie den Verein 2010 vor der Insolvenz rettete, war die Situation zwischen Eigentümer und Fans angespannt. Allam wollte im Jahr 2013 aus Marketinggründen den Vereinsnamen von Hull City A.F.C. zu Hull Tigers umbenennen. Die Football Association (F.A.) machte ihm hier aber einen Strich durch die Rechnung.
Zurück im Jahr 2016. Co-Trainer Mike Phelan übernahm einen Rumpfkader. Aufgrund der fehlenden Verpflichtungen, diversen Abgängen und einer unnatürlich grossen Verletzungsliste bestand das Team vor dem ersten Saisonspiel aus nur 13 fitten Profis. Hull galt bei allen Experten als sicherer Absteiger bevor überhaupt der erste Ball rollte.
Als die Saison 2016/2017 mit zwei Siegen gegen den damals amtierenden Sensationsmeister Leicester City und gegen Swansea City dann trotzdem erfolgreich gestartet ist, folgte schon bald die Ernüchterung. In den nächsten 18 Spielen folgten nur ein Sieg, sowie 4 Unentschieden. Schlussendlich zu wenig und der erst im Sommer zum Trainer ernannte Mike Phelan musste seinen Hut nehmen und dem in England völlig unbekannten Marco Silva Platz machen.
Silva vollbrachte beinahe ein Wunder. Er machte die Heimspielstätte, das KCOM-Stadium zu einer Festung. 19 von 21 Punkten aus den ersten 7 Heimspielen. Unter anderem ein sensationelles 2:0 über Liverpool. Im April kletterte Hull gar aus den Abstiegsrängen.
Als die Rettung zum Greifen nah war, versagten der Mannschaft die Nerven. Am vorletzten Heimspieltag leistete sich Hull ausgerechnet gegen das bereits abgeschlagene Tabellenschlusslicht AFC Sunderland eine unerklärliche 0:2-Heimpleite. Eine Woche später besiegelte eine 0:4-Niederlage bei Crystal Palace am 37. Spieltag den endgültigen Abstieg. Und passend zum Abstieg. Das letzte Heimspiel vor der neunjährigen Durststrecke endete mit einer 1:7-Demütigung gegen Tottenham.
Der Tiefpunkt
Der Abstieg aus der Premier League war kein Zufallsprodukt. Er war der Anfang der schwierigsten Zeit der neueren Geschichte des Vereins aus Kingston upon Hull im Norden von England. Wer glaubte, die Championship sei der Tiefpunkt, wurde in den folgenden drei Jahren eines Besseren belehrt. Die ohnehin zerrüttete Beziehung zwischen den Fans und der Allam-Besitzerfamilie zersplitterte komplett. Aus Protest gegen die Vereinsführung blieb das Stadion leer, die einstige Festung verkam zur Geisterkulisse.
Der verheerendste sportliche Genickbruch folgte im Winter 2020. Mitten im Kampf um die Playoff-Plätze verkaufte der Klub seine beiden Lebensversicherungen in der Offensive am selben Tag. Torgarant Jarrod Bowen zog es zu West Ham, Flügelflitzer Kamil Grosicki zu West Bromwich. Der sportliche Aderlass war fatal. Ohne ihre Top-Stars (beide zusammen waren für 22 der 41 Tore verantwortlich) brach die Mannschaft völlig in sich zusammen. Aus den verbleibenden 20 Ligaspielen holte Hull City lediglich zwei Siege.
Als die Saison wegen der weltweiten Pandemie unterbrochen und im Sommer vor leeren Rängen zu Ende gespielt wurde, glich Hull einer leblosen Hülle. Der Tiefpunkt war die historische 0:8-Demütigung gegen Wigan Athletic am drittletzten Spieltag – die höchste Pleite seit über 100 Jahren. Nur eine Woche später, im Juli 2020, war das Unfassbare bittere Realität. Hull City stieg als Tabellenletzter in die League One ab. Die Drittklassigkeit des englischen Fussballs. Nur drei Jahre nach den magischen Nächten im Oberhaus war der Verein finanziell ausgesaugt, sportlich ruiniert und am absoluten Nullpunkt angekommen.
Die Wende
Der Abstecher in der League One dauerte zum Glück nur ein Jahr, doch auch nach der direkten Rückkehr in die Championship dümpelte der Klub im Tabellenkeller herum. Die Rettung folgte schliesslich am 19. Januar 2022. Ein Datum, das später für einen neuen Umbruch stand. Nach Jahren des Fan-Boykotts und des giftigen Klimas erlöste der türkische Medienmogul Acun Ilıcalı den Verein und kaufte die Allams für geschätzte 30 Millionen Pfund aus.
Ilıcalı brachte etwas zurück, das die Fans längst vergessen hatten. Pure Leidenschaft. Er senkte die Ticketpreise, füllte das Stadion wieder mit Leben und reiste selbst zu den Auswärtsspielen. Doch der neue Besitzer steckte nicht nur Millionen in den ungenügenden Kader, sondern bewies auch ein goldenes Händchen bei den Strukturen.
Der Königstransfer fand im November 2022 auf der Trainerbank statt. Liam Rosenior, ein ehemaliger Hull-Profi, übernahm nach dem Kurzintermezzo von Andy Dawson das Kommando. Rosenior impfte der verunsicherten Mannschaft ein völlig neues, ballbesitzorientiertes Spielsystem ein. Hull City entwickelte sich unter ihm von einer grauen Maus zu einer der spielerisch stärksten Mannschaften der Liga.
Mit den Verpflichtungen von Jaden Philogene und Ryan Allsop im Tor sowie den Leihen von Spielern wie Tyler Morton, Fabio Carvalho und Liam Delap verstärkte man den Kader gezielt. Rund um die bestehenden Säulen Jacob Greaves, Lewie Coyle, Jean Michaël Seri und Ozan Tufan hatte man ein starkes Gerüst für den nächsten Schritt.
Der Blick richtete sich wieder nach vorne. Der Tiefpunkt in der Drittklassigkeit war scheinbar in der Vergangenheit archiviert. Im MKM Stadium wurde wieder von der Premier League geträumt.
Doch die Rechnung ging nicht ganz auf.
Liam Rosenior wurde nach dem Verpassen der Playoffs entlassen. Die darauffolgende Saison hat die Fans noch mal auf die Probe gestellt. Lewie Coyle war der einzig Verbliebene der oben genannten Spieler. Die Neuverpflichtungen waren nicht die gewünschten Verstärkungen. Auf der Trainerbank herrschte Unruhe. Tim Walter musste nach wenigen Monaten, 17 Spielen und einem Punkteschnitt von 0.88 Punkten pro Spiel gehen. Zwischenzeitlich stand Hull City auf dem letzten Platz. Nur dank dem Punktgewinn am letzten Spieltag und der besseren Tordifferenz stieg man nicht erneut in die League One ab.
Der Showdown
Wir schreiben die Saison 2025/2026. Mit Oli McBurnie hatten die Tigers wieder einen Torjäger. Die zweite Leihe von Joe Gelhardt war ebenfalls erfolgreicher. Sergej Jakirovic hat auf der Trainerbank wieder neues Leben eingehaucht. Doch die Qualität vom Rest des Kaders war vergleichsweise zu wenig. Trotzdem setzte sich Hull City im oberen Viertel der Tabelle fest. Und wer bis hierhin aufmerksam mitgelesen hat, merkt die Tigers mögen es dramatisch.
Sieben Spieltage vor Schluss war man komfortabel auf dem 5. Tabellenplatz, auf einen direkten Aufstiegsplatz hatte man nur fünf Punkte Rückstand. Es folgte eine Phase von sechs sieglosen Partien. Hull City fiel auf Platz sieben ab. Ausserhalb der Playoff-Plätze.
Im Mai 2026 war es erneut der letzte Spieltag der entscheidend war, nur diesmal auf der anderen Seite der Tabelle. Hull City musste gewinnen. Es folgte der 2:1 Sieg gegen Norwich City. Die Tigers standen in den Playoffs. Nur drei Spiele trennten sie vom Aufstieg in die Premier League.
Nach dem 0:0 im Hinspiel, gewann man das Rückspiel auswärts gegen Millwall mit 2:0. Hull City qualifizierte sich für das Endspiel. 23. Mai 2026. Wembley. Über 80’000 Zuschauer. 95. Minute. Oli McBurnie. 1:0.
Hull City stieg nach neun Jahren Absenz wieder ins englische Oberhaus auf.
Die Gegenwart
Ob Hull City in der Premier League bestehen kann wird sich zeigen. Der Saisonstart ist ihnen auf jeden Fall geglückt. Zwei Siege, zwei Unentschieden und erst eine Niederlage sprechen für sich. Die Fans der Tigers können sich wieder auf magische Nächte im Emirates, Anfield oder dem Old Trafford freuen. Die Liga ist seit ihrem letzten Spiel 2017 eine komplett neue. Aufsteiger haben es seit einigen Jahren so schwer wie noch nie, sich in der Liga behaupten zu können. Die Ausnahmen der letzten Saison mit Leeds und Sunderland bestätigen die Regel. Sieben von den letzten neun Aufsteigern gelang der Klassenerhalt nicht.
Und damit wären wir wieder bei meiner Eingangsfrage. Warum wurde die Rückkehr der Tigers so gefeiert?
Der ‘‘mauled by the Tigers’’ Sprechchor hat seinen Ursprung im Spott der gegnerischen Fans. Diese machten sich über Hulls Spitznamen ‘‘The Tigers“ lustig und ahmten mit ihren Händen die Krallen eines Tigers nach. Die Hull-Fans drehten den Spott irgendwann einfach um. Aus den Tigers, über die man sich lustig machte, wurden plötzlich die Tigers, von denen man zerfleischt wird. Dazu die bis heute bekannte Katzenklauen-Geste.
Wenn die Fans heute im Stadion ihr hämisches ’’You’re getting mauled by the Tigers“ anstimmen und dabei die Arme wie Tigerkrallen in die Luft strecken, schwingt kein bitterer Sarkasmus mehr mit. Es ist wieder das stolze Markenzeichen eines Klubs, der den absoluten Nullpunkt überlebt hat.
Nach allem, was in den letzten neun Jahren passiert ist, verstehe ich jetzt auch, warum diese Rückkehr für die Fans so besonders ist. Als ich die Szene gegen Manchester United gesehen habe, dachte ich zuerst nur: Was soll diese Katzenklauen-Geste eigentlich? Jetzt weiss ich es. Die Tigers sind zurück. Und irgendwie passt ‘‘mauled by the Tigers’’ nach dieser Geschichte besser als jeder andere Sprechchor.
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Alle Daten und Statistiken basieren auf Angaben von Transfermarkt, FBref, FotMob, WhoScored und statz.ai.
(Foto: Hullian OneEleven, CC BY-SA 2.0)



