Vor zwei Wochen kam Teil 1 des Brighton Scouting Reports. Darin wird erklärt, wie das Scouting-System von Brighton funktioniert. Wer die Menschen dahinter sind. Und wie sich die Spieler im Verein entwickeln können.
Wer Teil 1 verpasst hat, kann ihn hier nachlesen.
Der Brighton Scouting Report (Teil 1)
276 Millionen, 89 Millionen, 82 Millionen, 75 Millionen und 42 Millionen. So viel haben Chelsea, Arsenal, Tottenham, Manchester United und Liverpool in den letzten fünf Jahren auf die Konten von Brighton überwiesen. Von den Big Six hat einzig Manchester City keinen Spieler von den Seagulls verpflichtet.
In Teil 2 gehen wir mehr auf die Zahlen ein, nehmen das Beispiel Moisés Caicedo unter die Lupe und zeigen auf, wieso ausgerechnet Manchester City nicht mitmacht.
Günstige Einkäufe, mit einer Ausnahme
Für 54 Millionen Euro wurde diesen Sommer Luka Vuskovic verpflichtet. Neuer Rekordzugang für Brighton & Hove Albion. Für Inhaber Tony Bloom ist dieser Transfer aber die Ausnahme. «Wir haben eine interne Obergrenze und wir zahlen nicht gerne hohe Ablösesummen», sagt er im Interview mit The Athletic. Gemäss Bloom ist es gut möglich, dass dieser Rekord noch einige Jahre halten wird. Möglich ist aber auch, dass er nächsten Sommer wieder gebrochen wird.
Dass sie diese Obergrenze einhalten und für Premier League-Vereine verhältnismässig günstig einkaufen, zeigt eine Übersicht ausgewählter Transfers der letzten Jahre.
Die Ablösesummen zeigen auf, dass die Premier League in anderen Sphären spielt als der Rest der Top-Ligen. Solche Summen sind für die meisten Bundesliga-Vereine gar nicht möglich. Ohne die finanziellen Mittel der TV-Gelder der Premier League wäre es für Brighton schwieriger mit diesem Modell erfolgreich zu sein. In der Bundesliga ist Frankfurt ein Paradebeispiel dafür, dass es funktionieren kann. Union Saint-Gilloise, wo Tony Bloom Minderheitseigner ist, ist ebenfalls ein positives Beispiel. Nur ist Brighton für diese Art von Verkäufer-Klub an der Spitze der Nahrungskette und verkauft fast ausschliesslich an die ganz Grossen.
Teuer verkaufen: Timing und Nachfolger
Damit sich Brighton die Spieler leisten kann, benötigen sie trotz der TV-Gelder auch Einnahmen aus den Verkäufen. Den Wettbewerbsvorteil durch die hohen Summen nutzen sie ideal aus. Sie kaufen die Spieler oft schon sehr jung, locken sie mit hochdotierten Verträgen und können sie in Ruhe entwickeln lassen. Durch die finanzielle Sicherheit, welche sie sich erwirtschaftet haben, können sie ihre wertvollsten Spieler länger im Verein halten, als es bei Bundesliga-Klubs der Fall ist. Das hat wiederum zur Folge dass sie Spieler für enorme Ablösen verkaufen können.
Dadurch, dass sie so viele Spieler verleihen können, und generell durch eine grössere Kadertiefe, ist der Ersatz von den teuren Abgängen oftmals schon im Verein oder wird frühzeitig gescoutet und verpflichtet. Die Einstellung dazu von Tony Bloom widerspiegelt die Transferphilosophie. So lässt er sich im Interview mit The Athletic wie folgt zitieren:
«Für mich gehören die Emotionen in die 90 Minuten. Ausserhalb davon, bei all dem Lärm und all den Emotionen, ist es für uns sehr wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren und Entscheidungen immer im besten Interesse des Klubs zu treffen. Das kann manchmal bedeuten, unsere besten Spieler zu verlieren.»
Die besten Spieler zu verlieren ist Brighton also gewohnt. Sei es wie diesen Sommer Carlos Baleba und Jan Paul van Hecke oder das Jahr zuvor João Pedro. Gerade das Beispiel von Baleba ist interessant, da er selbst als Ersatz für den zu Chelsea abgewanderten Moisés Caicedo geholt wurde.
Fallstudie: Moisés Caicedo
Für gerade mal fünf Millionen Euro wechselte Moisés Caicedo am 01. Februar 2021 zu Brighton & Hove Albion. Während seiner Debütsaison bei Independiente del Valle debütierte er bereits mit 18 Jahren für Ecuador und entwickelte sich auch in der Nationalelf schnell zum Schlüsselspieler.
«Moisés hatte eine Menge Interesse von Vereinen aus ganz Europa, was verständlich ist, wenn man bedenkt, wie gut er sich entwickelt hat», lässt sich der damalige technische Direktor Dan Ashworth gem. offiziellem Account von Brighton zitieren.
Brighton setzte sich unter anderem gegen Manchester United und Atlanta United durch.
In der laufenden Saison war er viermal Teil des Kaders, sein erstes Pflichtspiel für die Seagulls musste aber weiter auf sich warten lassen. Für die Saison 2021/2022 wurde er nach Belgien zu Beerschot VA verliehen. Die Leihe wurde im Januar 2022 abgebrochen, da sich Enock Mwepu verletzt hat und Yves Bissouma für den Afrika-Cup abwesend war. Gegen Ende der Rückrunde entwickelte er sich bei Brighton zum Leistungsträger und weckte das Interesse der ganz grossen Vereine.
Im Sommer 2022 gab es erste Gerüchte um einen Wechsel zu Manchester United, die Red Devils entschieden sich aber damals für Casemiro. Ein halbes Jahr später buhlten im Wintertransferfenster Chelsea und Arsenal um den Ecuadorianer. Caicedo selbst pochte in den sozialen Medien auf einen Transfer. De Zerbi und die Verantwortlichen von Brighton bewahrten aber den von Tony Bloom angesprochenen kühlen Kopf und liessen ihn nicht ziehen.
Der Transfer war nur aufgeschoben. Auf die Saison 2023/2024 wechselte Caicedo für eine damalige Rekordablöse von 116 Millionen Euro plus 17 Millionen Euro Boni zu Chelsea. Die Geduld von Brighton hat sich gelohnt. Und über den Transfer freuten sich auch die Verantwortlichen von Independiente del Valle, die sich eine Weiterverkaufsklausel sicherten und ca. 23 Millionen Euro bekamen.

Warum nicht Manchester City?
Die Big Six verpflichten gerne Spieler von Brighton, da sie wissen, was sie bekommen. Ein Team macht aber nicht mit: Manchester City. 2022 waren die Citizens durchaus an Marc Cucurella interessiert. Brighton verlangte über 50 Millionen Euro und City war nicht bereit dies zu zahlen. Wenn zwei starke Verhandlungspartner aufeinandertreffen, passiert genau das, man findet sich nicht. Manchester City hat durch die City Football Group ein eigenes Netzwerk von Vereinen. Gross hilfreich war es bisher nicht. Savinho und Pedro Porro von Troyes und Girona sind die bekanntesten Beispiele. Beide setzten sich nicht langfristig durch.
Wenn man die Transfers der letzten Jahre genauer anschaut, ist kein Muster zu erkennen. Dass also Manchester City keinen Spieler von Brighton verpflichtet hat, ist ein Mix aus dem eigenem Scouting durch die City Football Group, die eigene Transferphilosophie sowie schlicht und einfach auch Zufall.
Die Grenze des Systems
Über längere Zeit stellt sich die Frage, wo die Grenze des Systems ist. Probiert man die Spieler länger zu halten, wächst möglicherweise die Unzufriedenheit, wenn man ihnen einen Wechsel zu einem Top-Club verweigert. Gleichzeitig würden die Lohnkosten steigen, die Einnahmen durch die Verkäufe wegfallen und die Erwartungshaltung an die eigenen Ansprüche steigen.
Ligaintern ist die Entwicklung von Brighton nicht verborgen geblieben. Andere Teams wie AFC Bournemouth oder Brentford weisen ähnlich gute Transferbilanzen aus.
Um weiterhin die Grossen ärgern zu können, muss Brighton bei den Transfers öfter richtig als falsch liegen.
Fazit
Brighton & Hove Albion kann als Blaupause für einen erfolgreich geführten Premier League Klub dienen. Tony Bloom hat seit seiner Übernahme 2009 vieles richtig gemacht. Den Aufstieg von der Drittklassigkeit bis ins europäische Geschäft verdanken sie den vielen cleveren Entscheidungen wie auch dem Mut, voll auf ihr System zu vertrauen. Der nächste Schritt wäre die Teilnahme an der Champions League oder gar der Gewinn eines Titels. Die Ambitionen haben sich geändert. Die Grenzen sich verschoben.
«Wir erzählen niemandem, dass wir dies oder jenes erreichen werden, aber wir brauchen keine Obergrenze. Wir wissen, dass wir in jedem Spiel dieser Saison, manchmal gegen die besten Teams der Welt, eine realistische Chance haben, zu gewinnen», Tony Bloom im Interview mit The Athletic.
Wenn dir diese Story gefallen hat, abonniere Inside Premier League jetzt kostenlos. So verpasst du ab sofort keine Analyse und keine Hintergrundstory der besten Liga der Welt direkt in deinem Postfach!
Alle Daten und Statistiken basieren auf Angaben von Transfermarkt, FBref, FotMob, WhoScored und statz.ai.
(Titelbild: Alex Simpson on Unsplash)



