276 Millionen, 89 Millionen, 82 Millionen, 75 Millionen und 42 Millionen. So viel haben Chelsea, Arsenal, Tottenham, Manchester United und Liverpool in den letzten fünf Jahren auf die Konten von Brighton überwiesen. Von den Big Six hat einzig Manchester City keinen Spieler von den Seagulls verpflichtet.
Brighton als Zulieferer der Big Six
Die Zahlen sprechen für sich. Über 550 Millionen hat Brighton in den letzten fünf Jahren von den Big Six eingenommen. Der Abgang von Ben White markierte im Sommer 2021 den Beginn und kann sogleich als Blaupause für das Transfersystem von Brighton genommen werden. Mit 17 kam er in den Nachwuchs der Seagulls. Nach einigen Leihen, unter anderem an Newport County und Leeds United, bedeutete die Saison 2020/2021 den Durchbruch für ihn. Nach nur einer Saison als Stammspieler folgte der Wechsel für 58 Millionen Euro zu Arsenal. In den Jahren danach folgten Transfers weiterer, junger Spieler. Und das Muster schien sich zu wiederholen. Die Frage die sich also stellt, lautet: Wie schafft ein Klub dieser Grösse das?
Der Mann dahinter
Tony Bloom.
Dass der Pokerprofi Brighton-Fan wurde, ist ihm in die Wiege gelegt worden. Sein Onkel Ray war Direktor, sein Grossvater Harry war in den 1970er Jahren Vizepräsident des Vereins. Im Mai 2009 übernahm Tony den Klub und wurde Präsident. Zu der Zeit spielte Brighton in der dritthöchsten Liga. Das Stadion hatte eine Leichtathletikbahn. Von den heutigen Strukturen waren die Seagulls noch Welten entfernt.
Nach dem Aufstieg in die Championship 2011 entwickelte sich der Verein unter der Präsidentschaft von Bloom zu einer festen Grösse. Den Neubau des Amex Stadiums finanzierte er fast komplett aus der eigenen Tasche.
In der Championship scheiterte der Klub dreimal in den Playoffs. Mit Bloom als Präsident stiegen die Seagulls 2017 nach 34 Jahren Abwesenheit wieder in die höchste englische Liga auf.
Heute ist Bloom auch an anderen Klubs beteiligt. Union Saint-Gilloise führte er nach der Übernahme 2018 wieder in die höchste belgische Liga. Wegen der UEFA-Regeln ist er dort inzwischen nur noch Minderheitseigner. Dazu kommen Beteiligungen an Heart of Midlothian und Melbourne Victory.

Die Rolle von Starlizard
Nach seinem Mathematikstudium gründete er 2006 die Sportwetten-Beratungsfirma und datenbasierte Sportanalyse-Agentur Starlizard. Die Firma nutzt komplexe statistische Modelle, mathematische Analysen und Fussballdaten, um Spielresultate genauer vorherzusagen als die Sportwettenanbieter.
Durch Starlizard wurde Bloom später zum Milliardär.
Offiziell sind der Club und Starlizard getrennt. Brighton hat eine eigene Daten- und Scoutingabteilung. Naheliegend ist aber, dass dieselbe Denkweise dahintersteckt. Den Markt besser lesen als die Konkurrenz, dies zeigt Brighton regelmässig wieder. Bloom selbst deutete auch schon an, dass seine Klubs ohne Starlizard einen schweren Stand hätten. Wie stark Brighton tatsächlich vom Wissen der Firma profitiert, kann nur gemutmasst werden.
Das Scouting-System
Bei Brighton läuft das Scouting von Spielern ein bisschen anders. Ähnlich wie bei Starlizard nutzen die Scouts komplexe statistische Modelle, mathematische Analysen und Fussballdaten um unter tausenden von Spielern weltweit die passenden zu finden. Als Nächstes folgt die Videoanalyse, bevor ein Spieler live beobachtet wird. Diese Reihenfolge spart nicht nur Zeit und Geld, welche Scouts mit Fliegen und Beobachten verbringen, sondern schmälert auch die Gefahr einem einzelnen Spiel im Stadion zu viel Gewicht zu geben.
Durch diese Vorgehensweise findet Brighton Spieler vor allem dort, wo die Konkurrenz weniger genau hinschaut. Moisés Caicedo kam aus Ecuador, Alexis Mac Allister aus Argentinien, Kaoru Mitoma aus Japan und Pascal Gross zum Beispiel vom Bundesliga-Absteiger Ingolstadt. Dass diese Transfers nicht immer aufgehen, zeigen die Verpflichtungen von Alireza Jahanbakhsh und José Izquierdo, welche teuer gekauft wurden, wenige Jahre später den Verein aber für eine Million, bzw. ablösefrei verlassen mussten.
Der Erfolg dieses Systems weckt wenig überraschend auch das Interesse der anderen Premier League Vereine. Wichtige Pfeiler wurden abgeworben. Technischer Direktor Dan Ashworth wurde 2022 von Newcastle verpflichtet und ist mittlerweile im Vorstand der englischen Fussballnationalmannschaft. Leiter der Scouting-Abteilung Paul Winstanley wurde bei Chelsea Sportdirektor.
Sorgen macht man sich in Brighton deswegen kaum. «Die Leute gehen, verstehen auch wie wir arbeiten, aber die Daten nehmen sie nicht mit», sagte CEO Paul Barber im Hauseigenen Podcast 2024.
Entwickeln: Trainer und Spielidee
Jetzt wissen wir, wo und wie Brighton die Spieler findet. Aber wie werden aus den unbekannten Rohdiamanten, Spieler welche für gesamthaft mehrere Hundert Millionen verkauft werden?
Mindestens genauso wichtig wie das Scouting ist, was mit den Spielern danach passiert. Die Neuverpflichtungen schaffen es im Normalfall nicht direkt in die Startelf. Oft werden sie verliehen, um sich, wie in unseren Beispielen oben, an den europäischen Fussball gewöhnen zu können. Moises Caicedo spielte zunächst für Beerschot in Belgien, Kaoru Mitoma für Union Saint-Gilloise.
Das nächste Puzzlestück ist der Trainer. Auch hier sucht Brighton nicht nach dem grossen Namen, sondern wie bei den Spielern, mit System nach einem genauen Profil. Graham Potter kam 2019 von Swansea. Zuvor machte er sich 7.5 Jahre einen Namen bei Östersunds FK.
Auf ihn folgte Roberto De Zerbi. Unter seiner Leitung qualifizierte sich Brighton zum ersten Mal für den Europacup. 2024 verpflichtete der Klub mit Fabian Hürzeler den bis heute jüngsten Trainer der Premier League-Geschichte.
Alle drei Trainer hatten bei Amtsantritt eines gemeinsam. Eine klare Spielidee mit viel Ballbesitz und mutigem Spielaufbau. Genau das macht die Spieler besser. Wer mehr am Ball ist, ist auch sichtbarer. Wer bei Brighton funktioniert, beweist, dass er für das höchste Niveau gemacht ist. Deshalb überrascht es nicht, dass die beiden Vorgänger von Hürzeler bei Chelsea und Tottenham untergekommen sind.
Vorschau
Brighton & Hove Albion findet gefühlt öfter die richtigen Spieler und macht sie besser als andere Vereine. Doch wie wird daraus ein Geschäftsmodell das über eine halbe Milliarde Euro erwirtschaftet?
Im zweiten Teil geht es ums Einkaufen und Verkaufen. Um den Transfer von Moises Caicedo, um die Grenzen des Modells und warum ausgerechnet Manchester City nicht mitmacht.
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Alle Daten und Statistiken basieren auf Angaben von Transfermarkt, FBref, FotMob, WhoScored und statz.ai.
(Titelbild: Dominic Alves, CC BY-SA 2.0)


