Der 19. Mai 2026 wird allen Arsenal-Fans in Erinnerung bleiben. Nach 22 Jahren leiden, bangen und hoffen wurde die Truppe rund um Trainer Mikel Arteta wieder Englischer Meister. Die drei Vizemeisterschaften in den vergangenen drei Jahren haben bei vielen Fans, Funktionären und Spielern Ängste vor dem Versagen entwickelt. Mit dem Meistertitel im Gepäck sind sie mit Selbstbewusstsein in die neue Saison gestartet und knüpfen nahtlos an die letzte Saison an. Wie also hat es Mikel Arteta geschafft, dass die Mannschaft reifer wirkt als je zuvor?
Der Reifeprozess von London
Drei Jahre lang schnupperte der FC Arsenal hauchdünn am ganz grossen Wurf, dreimal wurde man nur Zweiter, zweimal fing Manchester City die Gunners auf der Zielgeraden noch ab. Doch wer glaubte, dass diese Rückschläge Spuren hinterlassen haben, wurde letzte Saison eines Besseren belehrt.
Die Ergebnisse der letzten Wochen sprechen Bände. 2:0 auswärts bei Sunderland, 2:1 gegen ein wiedererstarktes Chelsea, 1:0 auswärts bei Aston Villa und zum Saisonauftakt das 3:0 gegen Aufsteiger Coventry. Gerade die Erfolge im Villa Park und im Stadium of Light bei Sunderland zeigen auf, dass die Mannschaft gefestigter ist denn je. Arsenal spielt nicht mehr nur schönen Fussball, das tun sie seit fast zwei Jahren nicht mehr – diese Mannschaft strahlt eine neue, fast beängstigende Reife aus. Selbst ein früher Rückstand, wie beim Heimspiel gegen Chelsea, scheint das System nicht mehr zum Einstürzen zu bringen. Doch woran liegt das?
Die neue Balance im Mittelfeld, neue Variationen im Angriff
Die grössten Fragezeichen vor dem Saisonstart waren logisch: Wer spielt neben Declan Rice und Martin Ödegaard, und wie macht sich Christos Tzolis als Ersatz für Leandro Trossard und Gabriel Martinelli? Die Antwort, die Mikel Arteta auf dem Platz liefert, ist eine neue taktische Lösung.
Myles Lewis-Skelly, 19-jährig, aus der eigenen Akademie.
Nach einer fulminanten Debütsaison 2024/2025, in der er als 17-Jähriger 15-mal von Beginn weg dabei war, war die Meistersaison für ihn persönlich ein Rückschritt. Nur fünf Startelfeinsätze und gesamthaft 698 Ligaminuten trug er zum historischen Erfolg bei. Mikel Arteta setzte den gelernten zentralen Mittelfeldspieler praktisch ausschliesslich auf der linken Aussenverteidigerposition ein. Das Resultat: durchzogene Leistungen und immer weniger Einsätze. Zwischen dem 22. und dem 30. Spieltag sah Lewis-Skelly keine einzige Ligaminute. Am 35. Spieltag wurde er zum ersten Mal in der Saison 25/26 als zentraler Mittelfeldspieler eingesetzt, und der Weg zur Meisterschaft war geebnet.
In der Vorbereitung zur neuen Saison nutzte er während der Abwesenheit der WM-Teilnehmer von Arsenal die Gunst der Stunde und setzte sich in der Startelf fest. Dass Martin Ödegaard seine Leistungen von der WM bestätigt und so gut ist wie seit der Saison 22/23, als er mit 15 Toren und 7 Vorlagen auf sich aufmerksam machte, hilft dem ganzen Team natürlich zusätzlich. Und dass Declan Rice einer der besten Box-to-Box-Spieler der Liga ist, muss man eigentlich nicht mehr erwähnen. Die Breite, die Erfahrung und die Verpflichtung des 80-Millionen-Manns Bruno Guimarães erledigen den Rest.
Besonders in der Rückwärtsbewegung zeigt sich die neue Stabilität. Die Abstände zwischen den Ketten sind so gering wie selten zuvor. Das Mittelfeldzentrum um Declan Rice steht wie ein massiver Block, der gegnerische Umschaltmomente im Keim erstickt.
Auch der Spielaufbau wurde angepasst, und ein wichtiger Teil ist, wie zu erwarten, die Doppelsechs bestehend aus Rice und Lewis-Skelly. Rice hilft beim Spielaufbau mit und lässt sich in die umgewandelte Dreierkette fallen, die hochgerückten Aussenverteidiger, aktuell Riccardo Calafiori und Ben White, binden weitere Spieler in der gegnerischen Platzhälfte und schaffen so Raum für Lewis-Skelly. Mit seiner Ruhe am Ball und der Spielübersicht findet er so oft die perfekten Schnittstellenpässe nach vorne und überspielt das halbe Team.
Der Aderlass in der Offensive war diesen Sommer immens, und nicht wenige Arsenal-Fans stellten sich die Frage, ob genug Breite und Qualität vorhanden ist. Die gescheiterten Transfers von Morgan Rogers und Julian Alvarez eröffneten aber den Weg für Christos Tzolis, im Rampenlicht zu stehen. Ob er allein die Abgänge von Martinelli, Trossard und Gabriel Jesus wettmachen kann, wird sich im Verlauf der Saison zeigen. Mit seiner aggressiven Spielweise und dem extremen Zug zum Tor ergibt sich für Mikel Arteta aber ein ganz neues Element in der Offensive. Es wird, wenn sich die Chancen ergeben, schneller umgeschaltet und der direkte Weg gesucht. Mit Kai Havertz haben sie aktuell den perfekten Spieler für dieses System.
Was die Zahlen verraten
Dass dieser Eindruck nicht nur subjektives Fan-Gefühl ist, belegen die nackten Zahlen. Ein Blick auf die erweiterten Statistiken der ersten Wochen offenbart die strukturelle Dominanz der Gunners.
Arsenal lässt in der laufenden Kampagne im Schnitt nur 2,2 Schüsse aufs eigene Tor pro Spiel zu – ein absoluter Spitzenwert in der Premier League. Noch beeindruckender ist der Wert der Expected Goals Against (xGA 2,7 in 4 Spielen). Die Shot Conversion Against (Wert der Schüsse, die zu Gegentoren führen) ist ebenfalls die beste der Liga. Gegnerische Mannschaften kommen gegen diesen Defensivblock kaum noch zu hochkarätigen Torchancen.
Gleichzeitig bleibt die Effizienz im letzten Drittel hoch. Mit 2,0 Toren pro Spiel liegt Arsenal auf Rang 5 der Liga, bei den Schüssen aufs Tor (5,7 pro Spiel) auf Rang 7 und beim Expected-Goals-Wert (7,6 nach vier Spielen) auf Rang 4. Auch bei den Grosschancen (7) bewegt sich das Team im oberen Drittel der Tabelle. Das beweist: Arteta hat die Offensive nicht geopfert, um stabiler zu stehen. Er hat das System schlicht resistenter gegen Ausfälle gemacht.
Fazit & Ausblick
Die Geister der Vergangenheit, die Ängste vor dem späten Versagen, sie scheinen mit dem erlösenden Meistertitel vom 19. Mai 2026 endgültig aus dem Emirates Stadium vertrieben worden zu sein. Arsenal spielt in diesen ersten Wochen der neuen Saison wie eine Mannschaft, die genau weiss, wie man Titel gewinnt.
Mikel Arteta hat das System nicht neu erfunden, aber er hat es verfeinert. Die taktische Reife eines Myles Lewis-Skelly im Zentrum, die Wucht des 80-Millionen-Manns Bruno Guimarães und das neue, vertikale Element durch Christos Tzolis machen die Gunners unberechenbarer denn je. Es ist noch früh in der Saison, doch dieser Saisonstart sendet ein unmissverständliches Signal an die Konkurrenz: Der Meister ist nicht satt. Im Gegenteil. Wenn Arsenal diese defensive Unbezwingbarkeit gepaart mit der neuen Effizienz im Umschaltspiel über die kommenden Monate konserviert, wird die Titelverteidigung in diesem Jahr keine Utopie, sondern die logische Konsequenz.
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Alle Daten und Statistiken basieren auf Angaben von Transfermarkt, FBref, FotMob, WhoScored und statz.ai.


